Die Dienstalterslisten der Schutzstaffel der NSDAP stellten sich nach
dem Zweiten Weltkrieg als hilfreiche Dokumente zur Ermittlung von
Kriegsverbrechern dar. Diese Listen waren unwiderlegbar, und damit auch
die Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Dienststellen wie neben der
SS auch Gestapo, SD, RuSHA, KL, WVHA, Junkerschulen, Standarten etc.
Das hier
runterladbare Namensregister enthält auf über zweihundert Seiten alle
Namen der DALs von 1934 bis 1938; mit dem Hauptaugenmerk auf
KL-Offiziere.
Donnerstag, 25. April 2013
Samstag, 26. Januar 2013
Das missverstandene „Hakenkreuz“
Die nachfolgende Darstellung ist eine Überarbeitung dieses Artikels, da ich nunmehr davon überzeugt bin, daß diese „Hakenkreuze“ nicht aus der NS-Zeit stammen können. Außerdem hat die Gedenkstätte Neuengamme in letzter Zeit versucht Aufklärung zu diesem Kapitel zu betreiben, die aber zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt hat.
Das ehemalige Lager der SS innerhalb des Konzentrationslagers Neuengamme ist von der geschichtlichen und auch wissenschaftlichen Betrachtung her ein Fall für sich. Es wird wenig Aufklärungsarbeit betrieben, weil die Gedenkstätte die Meinung vertritt, dass diese Gruppierung der SS viel Unheil über die Menschheit gebracht hat und deshalb wird das Thema SS bei Führungen über das Gelände gerne ausgeklammert. Die SS hat, ohne jeglichen Zweifel, unglaubliche Verbrechen begangen, ebenso in Neuengamme. Um das gesamte System eines KL zu verstehen bedarf es allerdings einer vollständigen Erklärung. Ich will hier nicht die Arbeit der Pädagogen und Wissenschaftler übernehmen, dennoch empfinde ich es als Geschichtsverfälschung, wenn ein Stück Schmiedearbeit als Relikt der Nationalsozialisten hingestellt wird.
Bei den ehemaligen SS-Garagen befindet sich auch heute noch ein kleines flaches Gebäude, und daneben befand sich eine kleine Tankstelle. Ursprünglich befand sich auf der westlichen Seite ein kleines Fenster; kleiner als wie die später hinzugefügten Fenster mit Gittern, welche heutzutage als nationalsozialistische Hakenkreuze ausgewiesen werden.
Zur damaligen Zeit war das SS-Lager ein Hochsicherheitstrakt in das man weder rein noch raus kam ohne eine schriftliche Genehmigung zu haben. Warum also sollte man vor einem unbedeutenden Gebäudefenster ein derartiges Eisengitter anbringen? Zumal dieses vermeintliche Kreuz seine gedrehten „Haken“ auch noch verkehrt herum trägt. Die Antwort liegt dort begraben, wo die Aufarbeitung der Geschichte eigentlich anfangen sollte, nämlich das nicht alles was nach SS ausschaut auch tatsächlich mit der SS zu tun hat. Daher kann es keinen Zweifel geben, dass diese Gitter zu einer Zeit angebracht wurden, als sich auf dem Gelände des ehemaligen KL Neuengamme ein Gefängnis befunden hat, also nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch auf Fotos aus der Nazizeit sind keinerlei Gitter zu erkennen. Ein Foto, welches angeblich aus dem Besitz des ehemaligen Häftlings Günther Wackernagel stammen soll, wird auf 1947 datiert. Auf diesem Foto ist auch die kleine Allee zu sehen, die vom Lagereingang zu den SS-Garagen führt. Von 1940 bis 1945 wurden die Flanken dieses Wegs immer wieder unterschiedlich bepflanzt. Die hohen Pappeln die heute vorhanden sind stammen aber nicht aus dieser Zeit und auch nicht aus der Internierungszeit. Aber auf diesem Foto sind Bäume zu sehen, die etwa eine Höhe von 3-4 Metern haben. D.h. das Foto entstand etwa in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Des Weiteren zeigt das Foto einiges an Gerümpel das an diesem Gebäude herumliegt und die Regenrinne ist teilweise ramponiert. So etwas hätte die SS bzw. der Kommandant bestimmt nicht geduldet.
Die zwei Fenster nach Osten und Norden wurden definitiv später in das Gebäude eingesetzt; und die Vergitterungen noch später. Dafür sprechen die im Mauerwerk sichtbaren Modifikationen.
Ein weitere Idee wie es zu diesen „Haken“ gekommen sein könnte ist, dass die Fenster in einer ähnlichen Art vergittert wurden (vor Kriegsende), wie sie heute noch im Klinkerwerk vorhanden sind (und auch in den SS-Garagen selbst gab es derartige Fenstergitter), und dass die gedrehten „Haken“ später hinzugefügt wurden.
Das Gebäude hatte in der NS-Zeit wahrscheinlich kaum eine bedeutende Funktion. Erst 1944 wurde das Gebäude umgebaut zu der Größe die es heute noch hat, wobei die Nutzung unklar ist. Damit verschwand aber auch das kleine Fenster. Es dürfte damit klar sein, daß dann die größeren Fenster eingesetzt worden sind.
Mit den bis heute vorhandenen Fotos läßt sich der Zeitraum, wann die Gitterkreuze hinzugefügt worden sind, nicht bestimmend nachweisen. Die Engländer hätten derartige Gitterkreuze nicht zugelassen oder geduldet, schließlich galten die Internierungslager auch der Umerziehung ihrer Insassen. Daher wäre es ein ziemlicher Widerspruch, wenn sie gleichzeitig eine faschistische Symbolik idealisiert hätten.
Die Verantwortung für die Anbringung dieser „Hakenkreuze“ kann meiner Meinung nach nur bei der Hamburger Gefängnisbehörde liegen.
Samstag, 15. Dezember 2012
ITS und Neuengamme
Im ersten Jahrbuch des International Tracing Service in Bad Arolsen ist ein Artikel erschienen, der die Verhältnisse der Flucht der Lagerkommandantur und die damit verbundene Entwendung von Häftlings-Effekten beleuchtet. Geschrieben wurde der Aufsatz von dem Politikwissenschaftler S. Schönemann (ITS) und R. Möller (Neuengamme). Dieses Jahrbuch gibt es im Buchhandel zum unverschämten Preis von rund 30€.
Samstag, 20. Oktober 2012
Ermittler von Kriegsverbrechen in der Britischen Zone
Über die militärische Ermittlungsarbeit zu Kriegsverbrechen ist kaum etwas bekannt. Dabei hatte das britische Militär für diese Tätigkeiten spezielle Teams gebildet, die in der Ausführung hauptsächlich von Emigranten verschiedener Nationalität durchgeführt wurden. Für diese Aufgabe mussten sich diese Menschen natürlich bewähren, damit das Militär nicht etwa durch latente Nationalsozialisten infiltriert werden konnte. Dieses Thema ist ein weites Spektrum und wurde 2010 in einem Aufsatz vom Archivar der Gedenkstätte Neuengamme, Reimer Möller, recht ausführlich und informativ dargestellt.
Die Satzbildung, Kommasetzung und falsch gesetzte Chevrons dieses Artikels sind auffallend dilettantisch (einige Fehler habe ich bereinigt). Der Verlag Edition Temmen scheint offenbar über kein Lektorat zu verfügen. Dennoch ist dieser Artikel für Interessenten zu dieser Thematik eine willkommene Ergänzung, zu der sonst eher spannungslosen Pragmatik der Neuengamme-Hefte.
Die Satzbildung, Kommasetzung und falsch gesetzte Chevrons dieses Artikels sind auffallend dilettantisch (einige Fehler habe ich bereinigt). Der Verlag Edition Temmen scheint offenbar über kein Lektorat zu verfügen. Dennoch ist dieser Artikel für Interessenten zu dieser Thematik eine willkommene Ergänzung, zu der sonst eher spannungslosen Pragmatik der Neuengamme-Hefte.
Samstag, 29. September 2012
Die russischen Kriegsgefangenen vom Herbst 1941
16. Oktober 1941. Es ist kalt. Es regnet. An diesem Tag marschiert eine riesige Kolonne von russischen Kriegsgefangenen über den Neuengammer Hausdeich in Richtung des Konzentrationslagers Neuengamme. Die Gefangenen marschieren entlang des Heerwegs durch das Haupttor des Lagers über den gerade erst betonierten Appellplatz zu zwei Baracken am nordöstlichen Ende des Schutzhaftlagers. In den Baracken befindet sich kein Mobiliar. Die Fenster sind vernagelt. Die Baracken sind gesondert mit Stacheldraht umzäunt. Es wird als „Kriegsgefangenen-Arbeitslager“ bezeichnet.
Die Lebensbedingungen sind katastrophal. Es wird eine kleine Ambulanz eingerichtet, in der deutsche Häftlinge versuchen, den Kriegsgefangenen so gut es geht zu helfen. Der Überlebenskampf ist aussichtslos. Fast jeden Tag sterben Menschen. Sie sterben wegen Krankheit, an Fleckfieber, an Hunger und an der schweren Arbeit, zu der einige von ihnen gezwungen werden. Ein Drama, dass sich über acht Monate erstreckt. Ende Juni 1942 sind 652 von den Kriegsgefangenen tot.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem späteren, nördlich gelegenen neuen Bergedorfer Friedhof, auf Veranlassung der damaligen britischen Militärregierung, auf einer kleinen Anhöhe, ein gesonderter Friedhof eingerichtet. Ein spartanisch anmutender Ort. Ein kleiner Hügel mit einem größeren hölzernen Kreuz, sollte darauf hinweisen, dass hier Menschen verschart wurden. Dieser Friedhof war in seinen Grenzen ein abgezäunter Bereich, noch bevor es dort überhaupt einen Friedhof gegeben hat.
Jahre später wurden auf diesem Friedhof 651 Steine platziert, die die Namen und Daten von russischen Kriegsgefangenen trugen, die im Konzentrationslager Neuengamme zu Tode gekommen sind. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Dieser Ort hat eine andere Geschichte zu erzählen.
Neben den Kriegsgefangenen in Neuengamme gab es auch eine größere Zahl von russischen Kriegsgefangenen, die in verschiedenen Betrieben in Bergedorf und Umgebung zum Zwangsarbeitereinsatz gekommen sind. Viele von ihnen sind ebenfalls in dem Zeitraum Oktober 1941 bis Mitte 1942 gestorben.
Auf dem heutigen, so genannten „Russischen Ehrenfriedhof“ in Bergedorf, befinden sich deshalb zwei unterschiedliche Gruppen von russischen Kriegsgefangenen.
Die historische Geschichte zu diesem Ehrenfriedhof bezieht sich aber ausschließlich auf die Kriegsgefangenen aus Neuengamme, die auf einer Bronzetafel an diesem Friedhof manifestiert wurde. Diese Darstellung der Ereignisse ist aber historisch nicht richtig und muss korrigiert werden. Es ist deshalb notwendig, weil mehr als einhundert der Neuengammer Kriegsgefangenen auf diesem Ehrenfriedhof nicht vorhanden sind - die Anerkennung ihres Schicksals und das Gedenken an sie ist damit nicht möglich.
Leider verhält sich die Gedenkstätte Neuengamme zu diesem Thema merkwürdig destruktiv. Der Direktor der Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe, weist jede Verantwortung von sich, obwohl diese Menschen ein elementares Kapitel in der Geschichte von Neuengamme darstellen, da es hier um ein völkerrechtliches Verbrechen geht, und die Gedenkstätte sich deshalb ihrer Verantwortung für diese Menschen nicht entziehen kann.
Nutzen Sie Ihr bürgerliches Grundrecht und protestieren Sie für eine Korrektur der Geschichte, damit auch den Ungenannten Toten ein Raum des Gedenkens zuerkannt werden kann.
Schreiben Sie bitte an:
detlef.garbe@kb.hamburg.de
arne.dornquast@bergedorf.hamburg.de (Bezirksamt Bergedorf)
oktavia.christ@volksbund.de
bfkg@list.ru (Russische Botschaft Berlin; Büro für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit)
Die Lebensbedingungen sind katastrophal. Es wird eine kleine Ambulanz eingerichtet, in der deutsche Häftlinge versuchen, den Kriegsgefangenen so gut es geht zu helfen. Der Überlebenskampf ist aussichtslos. Fast jeden Tag sterben Menschen. Sie sterben wegen Krankheit, an Fleckfieber, an Hunger und an der schweren Arbeit, zu der einige von ihnen gezwungen werden. Ein Drama, dass sich über acht Monate erstreckt. Ende Juni 1942 sind 652 von den Kriegsgefangenen tot.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem späteren, nördlich gelegenen neuen Bergedorfer Friedhof, auf Veranlassung der damaligen britischen Militärregierung, auf einer kleinen Anhöhe, ein gesonderter Friedhof eingerichtet. Ein spartanisch anmutender Ort. Ein kleiner Hügel mit einem größeren hölzernen Kreuz, sollte darauf hinweisen, dass hier Menschen verschart wurden. Dieser Friedhof war in seinen Grenzen ein abgezäunter Bereich, noch bevor es dort überhaupt einen Friedhof gegeben hat.
Jahre später wurden auf diesem Friedhof 651 Steine platziert, die die Namen und Daten von russischen Kriegsgefangenen trugen, die im Konzentrationslager Neuengamme zu Tode gekommen sind. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Dieser Ort hat eine andere Geschichte zu erzählen.
Neben den Kriegsgefangenen in Neuengamme gab es auch eine größere Zahl von russischen Kriegsgefangenen, die in verschiedenen Betrieben in Bergedorf und Umgebung zum Zwangsarbeitereinsatz gekommen sind. Viele von ihnen sind ebenfalls in dem Zeitraum Oktober 1941 bis Mitte 1942 gestorben.
Auf dem heutigen, so genannten „Russischen Ehrenfriedhof“ in Bergedorf, befinden sich deshalb zwei unterschiedliche Gruppen von russischen Kriegsgefangenen.
Die historische Geschichte zu diesem Ehrenfriedhof bezieht sich aber ausschließlich auf die Kriegsgefangenen aus Neuengamme, die auf einer Bronzetafel an diesem Friedhof manifestiert wurde. Diese Darstellung der Ereignisse ist aber historisch nicht richtig und muss korrigiert werden. Es ist deshalb notwendig, weil mehr als einhundert der Neuengammer Kriegsgefangenen auf diesem Ehrenfriedhof nicht vorhanden sind - die Anerkennung ihres Schicksals und das Gedenken an sie ist damit nicht möglich.
Leider verhält sich die Gedenkstätte Neuengamme zu diesem Thema merkwürdig destruktiv. Der Direktor der Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe, weist jede Verantwortung von sich, obwohl diese Menschen ein elementares Kapitel in der Geschichte von Neuengamme darstellen, da es hier um ein völkerrechtliches Verbrechen geht, und die Gedenkstätte sich deshalb ihrer Verantwortung für diese Menschen nicht entziehen kann.
Nutzen Sie Ihr bürgerliches Grundrecht und protestieren Sie für eine Korrektur der Geschichte, damit auch den Ungenannten Toten ein Raum des Gedenkens zuerkannt werden kann.
Schreiben Sie bitte an:
detlef.garbe@kb.hamburg.de
arne.dornquast@bergedorf.hamburg.de (Bezirksamt Bergedorf)
oktavia.christ@volksbund.de
bfkg@list.ru (Russische Botschaft Berlin; Büro für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit)
Sonntag, 23. September 2012
Zyklon B Prozess
Die Kriegsverbrecher-Kommission der Vereinten Nationen (UNWCC) hat in fünfzehn Publikationen zwischen 1947 und 1949 über Prozesse von Kriegsverbrechen, unter dem Titel "Law Reports Of Trials Of War Criminals", berichtet. Von den 89 Fällen über die die Kommission Berichte erstellt hat, sind auch Konzentrationslager-Prozesse enthalten. Dazu gehören der 1. Belsen-Prozess (Case No. 2), der Natzweiler-Prozess (Case No. 31), der sich ausschließlich mit der Ermordung von britischen und französischen Staatsangehörigen beschäftigt, die im Widerstand tätig waren, der Auschwitz-Prozess (Case No. 38) gegen Rudolf Höss und der Dachau-Prozess (Case No. 60) gegen Martin Weiss und zahlreichen anderen. Leider gibt es keinen "Report" über Neuengamme oder Mauthausen (dem einzigen KL der Lagerstufe I).
Im engen Kontext zu Konzentrationslagern steht der Zyklon B Prozess, der als "Case No. 9" der UNWCC in der ersten Publikation von 1947 eingehend reflektiert wird.
Ebenfalls von der UNWCC stammt ein Artikel über Britisches Militärrecht in Kriegsverbrecher-Verfahren. Zum besseren Verständnis dieser Gerichtsbarkeit, habe ich diese Darstellung des Royal Warrant und anderen bedeutenden Bestandteilen, beigefügt.
Im engen Kontext zu Konzentrationslagern steht der Zyklon B Prozess, der als "Case No. 9" der UNWCC in der ersten Publikation von 1947 eingehend reflektiert wird.
Ebenfalls von der UNWCC stammt ein Artikel über Britisches Militärrecht in Kriegsverbrecher-Verfahren. Zum besseren Verständnis dieser Gerichtsbarkeit, habe ich diese Darstellung des Royal Warrant und anderen bedeutenden Bestandteilen, beigefügt.
Freitag, 31. August 2012
Geissel der Menschheit
Im Vorfeld zur Veröffentlichung von Lord Russels Buch „Geissel der Menschheit“ gab es in England einige Unruhe auf hoher politischer Ebene. Aus Regierungskreisen wurde Russel aufgefordert sein Buch nicht zu veröffentlichen oder aber sein Amt wäre gefährdet bzw. wurde ihm nahe gelegt zurückzutreten. Der Lord ließ sich nicht einschüchtern, und so erschien 1954 sein Buch unter dem Originaltitel „The Scourge Of The Swastika“ - und Lord Russel of Liverpool trat unverzüglich von seinem Amt zurück.
Es bleibt bis zum heutigen Tage unklar, warum dieses zunächst harmlos scheinende Buch nicht erscheinen sollte. Politisch betrachtet war dieses Buch nicht gerade brisant, die von Russell geschilderten Ereignisse an Nazi-Kriegsverbrechen waren schließlich Fakt und von höchster militärischer Instanz initiiert worden. Möglicherweise liegt genau dort der sagenumwobene Knochen begraben. Zunächst aber zum Inhalt des Buches.
Lord Russell war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einer der höchsten militärischen Rechtsberater. Ihm wurden Prozessunterlagen vorgelegt, über die er eine Empfehlung an den Obersten Befehlshaber der Britischen Rheinarmee abzugeben hatte, der wiederum hatte das letzte Wort darüber, ob ein Kriegsverbrecher begnadigt oder seinem Rechtsspruch überlassen wurde. Allerdings unter dem Aspekt, daß dieser Befehlshaber kein Jurist war, und dennoch wurden Urteile von ihm revidiert. Ein Grund dieses Buch zu verhindern?
Russell erzählt von den unzählbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Davon, daß die Nationalsozialisten die Sitten und Gebräuche des Krieges ignorierten, ebenso die Haager oder Genfer Konventionen mit Füßen traten. Diese Verbrechen, die von der Militärjustiz verhandelt wurden, und die Russell vorgelegt wurden, sind die Basis dieser Erzählstudie. Neuengamme ist natürlich auch ein Bestandteil, wenn auch nicht gerade besonders ausführlich wie z. B. Ravensbrück. Aber die Frage die sich mir beim Lesen permanent aufgedrängt hat war, ist es überhaupt legitim gewesen über diese Verbrechen zu berichten, denn zu dem Zeitpunkt der Mittfünfziger Jahre waren diese Akten bereits gesperrt, teilweise sogar bis zum Jahre 2024, also ein ganzes Menschenleben. Das war der Versuch der britischen Regierung, diejenigen zu schützen, die in derartigen Prozessen nicht abgeurteilt wurden, oder aber in Prozessen leibhaftig der Öffentlichkeit vorgeführt wurden, ohne daß sie jemals selbst angeklagt worden sind. Die Versiegelung dieser Akten hat sich inzwischen zwar grundlegend geändert, die meisten Akten sind zugänglich, aber 1954 war das für die Öffentlichkeit oder der Wissenschaft überhaupt nicht so. Ein weiterer Grund dieses Buch zu verhindern?
1955 erschienen in West- und Ost-Deutschland die deutschsprachigen Übersetzungen. Der so genannte antifaschistische Röderberg-Verlag in Frankfurt legte vor, und der Verlag Volk und Welt der DDR übernahm die unveränderte westdeutsche Fassung im gleichen Jahr. Russell mahnt in seiner kurzen Einleitung der westdeutschen Ausgabe die ungeheuerlichen Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg an, und will vor allem dem deutschen Volk diese Verbrechen vor Augen führen, da er glaubt, sie würden darüber wenig erfahren haben, und das sich derartiges nicht wiederholen dürfte. Das Vorwort in der ostdeutschen Ausgabe ist anders; der Tenor ist ähnlich, aber nicht mahnend. Russel geht auf die Nürnberger Prozesse ein und bedankt sich bei einigen Personen für ihre Unterstützung. Diese Intentionen deuten aber nicht zu einem Grund zur Verhinderung dieses Buches hin.
Das wahre Motiv für Russells Buch und die politiche Beeinflussung der Veröffentlichung wird vielleicht nie ans Licht kommen. Russell verstarb 1981.
Im „Daily Express“ von August 1954 sagt Russell, „daß ein Versuch unternommen wurde, die historische Wahrheit aus politischen Gründen zu zensieren …“ Dem Lord wurde vorgeworfen, sein Buch entspräche nicht den Tatsachen und sei demnach nicht als historisch anzusehen. In „Neues Deutschland“, das ostdeutsche Sprachrohr des angeblich demokratischen Staates, schrieb ebenfalls im August 1954, über eine tendenzielle Proklamierung in Richtung wiedererwachtem Faschismus in Deutschland. Das Motiv, dieses Buch aus Gründen von Faschismus nicht publiziert zu sehen, ist nicht nachvollziehbar, entspricht aber der zeitgenössischen Essenz politischer Organe im damaligen Ostdeutschland.
Leider gibt das Buch über Russell selbst, als der Oberste Militärische Rechtsberater, keine Auskunft über ihn her. Auch die Quellen der zahlreichen Berichte werden nicht preisgegeben. Es werden nur Namen genannt, die bereits in Kriegsverbrecherprozessen öffentlich gemacht wurden. Daher entsteht für den unkundigen Leser der Eindruck von einem unseriösen Referat. In seinem Buch werden zwar einige Dinge nicht richtig dargestellt, aber das sind vor allem Sachen die jenseits der Verbrechen liegen, wie z.B. die Erklärung zur Bewachung der Konzentrationslager, „Es war eine ihrer abscheulichen Aufgaben, das Personal für die Konzentrationslager zu stellen, und fast alle Wachmannschaften dieser Lager kamen aus den Reihen der Allgemeinen SS.“ Tatsächlich war es ab Kriegsbeginn die Waffen-SS, die diese Aufgaben ausschließlich bis zum Spätsommer 1944 ausgeübt haben. Auch darf man die Zeit nicht vergessen, als dieses Buch erschien, wo vieles noch nicht bekannt gewesen ist. Andererseits geht aus dem Neuengamme-Prozess dieses Faktum mehr als deutlich hervor.
Russel geht auf die einzelnen Kriegsverbrecherprozesse nicht ein. Im Kontext zum Neuengamme-Prozess vom Frühjahr 1946, wurde dem Rechtsratschlag von Russell stattgegeben; die vierzehn Urteile wurden in der Form vollstreckt, wie sie im Prozess bereits verkündet worden waren.
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